Ländliche Sozialforschung in Österreich

1. Abgrenzung und Perzeption der ländlichen Sozialforschung in Österreich

1. Einleitung

Während sich die Ländliche Sozialforschung mit allen sozial relevanten Fragen der Menschen im ländlichen Raum befasst, konzentriert sich die Agrarsoziologie im traditionellen und engeren Verständnis des Wissensgebietes auf die Land- und Forstwirtschaft. Im Zentrum des Faches steht die Frage nach der Entwicklung des land- und forstwirtschaftlichen Haushalts. Dabei ist zu beachten, dass die traditionelle Familienlandwirtschaft in der Agrarsoziologie nicht nur als eine Art der Produktion, sondern auch als eine Lebensform betrachtet wird. Die Agrarsoziologie beschäftigt sich mit den Charakteristika dieser Lebensform, mit den Bestimmungsfaktoren des sozialen Wandels der bäuerlichen Familie und analysiert die sozialen Funktionen der Landwirtschaft für die Gesellschaft. Besondere Bedeutung erfahren dabei die Wirkungen, die vom technischen Wandel und von der zunehmenden Internationalisierung bzw. Globalisierung auf die Entwicklung der Familienlandwirtschaft ausgehen. Bei diesen Themenbereichen ist es wichtig, die Verbindungen zwischen ökonomischer Sphäre und gesamter sozialer Sphäre zu beachten. Dementsprechend ist nicht nur ein Nebeneinander der Disziplinen Regionalökonomie, Agrarökonomie und Agrarsoziologie vorzuschlagen, sondern vielmehr ein interdisziplinäres Miteinander (Vgl.: PEVETZ 1999, PEVETZ & VOGEL 2002, VOGEL & WIESINGER 2003).
Betrachtet man die Entwicklung der Themenbereiche von ländlicher Sozialforschung und Agrarsoziologie im Zeitablauf (BARLÖSIUS 1995; BUTTEL ET AL 1990; PEVETZ 1999; PONGRATZ 1996; PLANCK 1989) der letzten Jahrzehnte, so kann man zusammenfassen, dass sich die Agrarsoziologie trotz einer Reihe von Überschneidungen und Entwicklungsbrüchen ihre Eigenständigkeit als Wissensdisziplin erarbeiten und bewahren konnte. PONGRATZ (1996) vertritt allerdings die Auffassung, dass die Agrarsoziologie in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Landbaus lange Zeit die eher untergeordnete Rolle einer Hilfswissenschaft spielte. Sie habe kaum eigene Vorstellungen zu den Entwicklungsmöglichkeiten und -zielen der Landwirtschaft erarbeitet, sondern sich dem ökonomischen Leitbild des industriell-kapitalistischen Unternehmens und der weitestgehenden Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion zunehmend unkritisch angeschlossen. Ihre soziologische Aufgabe fand sie darin, soziale und so genannte "geistige" Hindernisse bei der Verwirklichung dieses Leitbilds aufspüren und beseitigen zu helfen. Diese Sichtweise der Agrarsoziologie - zumindest bis Ende der sechziger Jahre - als Hilfswissenschaft wird auch dadurch gestützt, dass dieses Fach im deutschsprachigen Raum - im Gegensatz etwa zu den USA - an den Universitäten als Teilgebiet der wissenschaftlichen Agrarpolitik eingerichtet wurde (PLANCK 1989) und die wissenschaftliche Agrarpolitik selbst lange dem angesprochenen Modernisierungsleitbild folgte.
Auf diese Periode der Modernisierungsforschung folgt seit Mitte der siebziger Jahre eine anhaltende Phase der Agrarsoziologie, die international durch eine theoretische, methodische und inhaltliche Vielfalt gekennzeichnet ist (PONGRATZ 1996, BUTTEL ET AL 1990, VOGEL 2000). Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf diese aktuelle Phase der Agrarsoziologie. Betrachtet man die räumliche Dimension der Fragestellungen der Agrarsoziologie in Mitteleuropa, so überwiegen (klein-)regionale bis nationalstaatliche Fragestellungen zur Entwicklung und Orientierung der landwirtschaftlichen Haushalte oder es werden sozialwissenschaftliche Fragen zu alternativen in der regionalen Landwirtschaft bearbeitet. Eine große Rolle spielt dabei die Diskussion des Wertewandels in der Landwirtschaft und damit einhergehende soziale Probleme. Ein weiteres Hauptarbeitsgebiet der Agrarsoziologie stellt die feministische Forschung dar. Sie beschäftigt sich mit der bislang im Vergleich vernachlässigten Seite der "inneren" Dynamik des landwirtschaftlichen Haushalts insbesondere im Hinblick auf die sozialgeschlechtliche Arbeitsteilung. Ein weiteres wichtiges Arbeitsgebiet der Agrarsoziologie findet sich in der Analyse der sozialen Einbettung der Ökologisierung der Landwirtschaft, sozusagen als Umweltsoziologie innerhalb der Agrarsoziologie.
Im folgenden Kapitel soll zunächst ein grundsätzlicher Überblick zum Begriff des Familienbetriebs in der Agrarsoziologie gegeben werden. Im Anschluss daran werden zwei die einzelnen Arbeitsbereiche der Agrarsoziologie übergreifende und integrierende Ansätze, nämlich das Habituskonzept aus der Debatte des Wertewandels in der Landwirtschaft und die ökofeministische Diskussion des landwirtschaftlichen Familienbetriebs vorgestellt und diskutiert. Ein Überblick über die agrarsoziologische Forschungspraxis, der zusammen mit einigen Fragen der Entwicklung der landwirtschaftlichen Haushalte erörtert wird, schließt den vorliegenden Einblick in die Diskussion des Familienbetriebs in der Agrarsoziologie ab.

2. Zum Begriff des Familienbetriebs in der Agrarsoziologie

Zu Beginn der siebziger Jahre kam es mit der Kritischen Theorie im deutschsprachigen Raum zu einer intensiveren agrarsoziologischen Diskussion über den bäuerlichen Familienbetrieb unter kapitalistischen Konkurrenzbedingungen. In dieser Neuorientierung der agrarsoziologischen Diskussion wurden v.a. die Abhängigkeiten von vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen angesprochen (KRAMMER 1976, POPPINGA 1975). POPPINGA (1975, 8) beschrieb die bäuerliche Produktionsweise damit, dass "... die Bauern Eigentümer der landwirtschaftlichen Nutzfläche, der Gebäude, des Nutzviehs, der Maschinen usw. sind. Mit Hilfe dieser Produktionsmittel erzeugt der Bauer, von geringfügigem Eigenverbrauch abgesehen, seine Produkte als Waren. Er erzeugt sie selber durch eigene Arbeit und die seiner Familienangehörigen. Diese Merkmale, d.h. Eigentümer der Produktionsmittel, Warenproduktion und 'eigener' Arbeiter, legen es nahe, die Bauern als kleine oder einfache Warenproduzenten zu charakterisieren." KRAMMER (1989, 56) fügte dem mit dem Hinweis auf die Tendenz der Selbstausbeutung in bäuerlichen Familien einen weiteren Aspekt hinzu: "In der Konkurrenz zwischen kapitalistischer Produktionsweise und bäuerlicher bzw. vorkapitalistischer Produktionsweise zeigt sich ein wesentlicher Unterschied: der Kapitalist hört zu produzieren auf, wenn sich das von ihm eingesetzte Kapital nicht mehr verwertet, der Bauer produziert meist selbst dann noch, wenn sein Einkommen beträchtlich unter dem eines Arbeiters liegt. Eine Verwertung des Kapitals als Ziel der Produktion kennt er meist überhaupt nicht."
Im anglosächsischen Raum entstand ebenfalls während der siebziger Jahre eine Debatte über die Persistenz der bäuerlichen Familienbetriebe als kleine Warenproduzenten. Zunächst stand die Diskussion stark im Zeichen von Parsons Funktionalismustheorie, später entstanden aber zunehmend Neo-Marxistische und Neo-Weberianische Theoriebildungen. Susan A. Mann und James M. Dickinson (zt. BUTTEL et. al. 1990, 80f) stellen die Frage, warum die kapitalistische Transformation in der Landwirtschaft langsamer vor sich gehe als in der Industrie. Sie argumentieren, dass es in der Landwirtschaft wegen der Saisonalität eine Trennung zwischen Produktions- und Arbeitszeit gebe, die sich hemmend auf kontinuierliche bzw. standardisierte Arbeitsprozesse auswirke. Witterungsabhängigkeit, die Verderblichkeit der Produkte etc. bewirken weiters, dass dieser Bereich für kapitalistische Massenproduktion vergleichsweise weniger interessant wäre. Harriet Friedmann (zt. WHATMORE 1991, 20) vertritt einen ähnlichen Ansatz wie Mann und Dickinson, meint aber überdies, dass ein Hauptaspekt der bäuerlichen Familienbetriebe sei, dass diese als Kleinproduzenten keinen Profit erwirtschaften müssten, um im Geschäft zu bleiben. Sie müssten nur die "einfache Reproduktion" erreichen, d.h. es reiche völlig aus, ihre Konsumansprüche auf ein Subsistenzniveau zu reduzieren, um mit den Marktbedingungen zu Recht kommen zu können. Diese Flexibilität befreie Kleinproduzenten vom Diktat der Profitrate. Nach David Goodman und Michael Redclift (zt. WHATMORE 1991, 13) ergäbe sich die Persistenz des bäuerlichen Familienbetriebs weniger aufgrund der immanenten Robustheit der Familienmitglieder als vielmehr wegen der Begrenzungen, welche die kapitalistischen Produktionsbedingungen und die natürlichen Einflüsse (Wachstum, Witterung etc.) auf den agrarischen Produktionsprozess ausübten.
Ein wichtiger Seitenstrang der Diskussion des landwirtschaftlichen Familienbetriebes entwickelte sich vor allem im Journal of Peasant Studies für die sogenannte "Dritte Welt" seit Mitte der sechziger Jahre unter EthnologInnen in der Folge des Erscheinens einer englischsprachigen Ausgabe der "Lehre von der bäuerlichen Wirtschaft" Tschajanows (TSCHAJANOW1966).
PLANCK UND ZICHE (1979, 294) definieren einen landwirtschaftlichen Familienbetrieb aus soziologischer Sicht über die Verknüpfung von Familienpositionen mit betrieblichen Rollen und umgekehrt Positionen im Betrieb mit familiären Rollen. Auf der ökonomischen Seite sind wichtige Charakteristika des Familienbetriebes das Eigentum an den Produktionsmitteln, der fast ausschließliche Einsatz von Familienarbeit und die Einheit von Betrieb und Haushalt. Letztere äußere sich darin, dass es einen Input vom Haushalt in den Betrieb gibt, aber auch einen Output vom Betrieb in den Haushalt.
Im Weiteren sehen PLANCK UND ZICHE (1979, 296ff) den modernen landwirtschaftlichen Familienbetrieb als ein soziales System, welches folgende vier Komponenten umfasst, zwischen denen enge Wechselwirkungen und Abhängigkeiten bestehen: (i) die Familie als sozial-biologische Ordnung, (ii) den Haushalt als sozial-ökonomische Ordnung, (iii) den Betrieb als technisch-wirtschaftliche Ordnung und schließlich (iv) das Unternehmen als juristisch-wirtschaftliche Ordnung.
Über die Familie wirken generative Leitbilder der Gesellschaft, über den Haushalt steigende Lebensansprüche und bestimmte Verbrauchergewohnheiten, über den Betrieb der technische Fortschritt und über das Unternehmen die Wirtschaftslage auf die Entwicklung des Familienbetriebes ein. Die  Zielsetzungen des Wirtschaftens und die Lebensziele der Familie bestehen nebeneinander, wobei in der Regel zwei Hauptziele konkurrieren, nämlich die Befriedigung der Bedürfnisse der Familie und ihrer Mitglieder und die Erhaltung des Familienbetriebes als sozioökonomisches System. Je nach Situation ist in jedem Einzelfall mit einem sehr unterschiedlichen Spannungsverhältnis zu rechnen, das ein Bündel von komplementären oder konkurrierenden, allenfalls aber auch indifferenten Zielen ergibt, welche für die Unternehmensentscheidungen jeweils sehr unterschiedlich relevant sein können.