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FB42: Landwirtschaft zwischen Tradition und Moderne

FB 42
Die Frage der persönlichen Werte- und Orientierungsmuster in Relation zu gesamtgesellschaft­lichen Prozessen und dem sozio-ökonomischen Fortschritt nimmt in den letzten Jahren in der wissenschaftlichen Diskussion einen immer größeren Stellenwert ein. Pierre Bourdieu, Anthony Giddens oder Paul Blau, um nur einige der renommiertesten Vertreter zu nennen, haben sich eingehend mit der Situation einer Neuorientierung bzw. Neudefinition gesellschaftlicher Gruppen und den morphologischen Änderungen sozialer Räume befasst. Soziale Räume unterliegen dabei einem distinguierten Variablensystem, welches wesentlich durch eine konkrete Klassen- oder Schichtzugehörigkeit bestimmt wird. Wandlungsprozesse und Umstellungsstrategien äußern sich auch in einer zeitlichen Dimension und im Zusammenspiel der einzelnen gesellschaftlichen Gruppen und Generationen.

Im Bereich der Landwirtschaft herrscht auf diesem Gebiet ein noch weitgehendes Forschungsdesiderat, obwohl gerade die bäuerliche Lebens- und Arbeitswelt einem äußerst raschen und dynamischen Wandel unterliegt, der noch immer nicht abgeschlossen ist. Alte Leitbilder verlieren ihre Gültigkeit, herkömmliche Entscheidungsstrategien erweisen sich als ineffizient, wenn nicht gar als kontraproduktiv. Tradiertes Wissen hat seine Gültigkeit verloren und damit ändert sich auch der Sozialstatus und der Umgang zwischen den Generationen. Eingespannt wird dieser Prozess im technisch-organisatorischen agrarischen Produktionssystem.

Diese Produktionsform des bäuerlichen Familienbetriebes befindet sich zwischen den Koordinaten einer auf Profitmaximierung ausgerichteten Marktwirtschaft und einer auf Subsistenz und Nachhaltigkeit ausgerichteten Haushaltswirtschaft. Dabei lässt sich im Laufe der Entwicklung eine immer stärkere Marktintegration feststellen, die eine Änderung der Handlungsstrategien notwendig macht. Der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union und damit die Übernahme der Gemeinsamen Agrarpolitik ist ein weiteres bedeutendes Faktum, welches die Entwicklungen beschleunigt und den sozialen Akteuren rasche Entscheidungen abverlangt.

Der technische Fortschritt ermöglichte nicht nur eine ungeheure Entfaltung der Produktivkräfte, sondern stellt selbstredend auch die Triebfeder für strukturelle Änderungen dar. Während ein Teil der bäuerlichen Betriebe sich mehr und mehr den Markterfordernissen unterwirft und mittels Rationalisierungsmaßnahmen versucht, ihre Wettbewerbsfähigeit zu steigern, werden andere marginalisiert, scheiden aus der Landwirtschaft aus, oder suchen durch neue Strategien zu überleben. Pluriaktivität oder Erwerbskombination, Direktvermarktung, bäuerlicher Tourismus sind neue Einkommensschienen, welche das Überleben vieler Betriebe ermöglichen.

Die neue Informationsgesellschaft, die umfassende Entwicklung infrastruktureller Einrichtungen und die Verbesserung der Transportsysteme und der damit implizit einhergehende Austausch bewirken, dass traditionelle kulturelle und normative Differenzen zwischen urbanen und ruralen Räumen einerseits, aber auch zwischen einzelnen ländlichen Regionen tendenziell geringer werden. Dieses soziale und kulturelle Amalgam führt zu Reibungsflächen zwischen den einzelnen Gruppen und Individuen, da sich herkömmliche Orientierungs- und Entscheidungsmuster in Hinblick auf neu definierte wirtschaftliche und soziale Paradigmen als obsolet erweisen. Selbstredend haben diese Änderungen auch Auswirkungen im Statusverhalten zur Folge.

Anhand der empirischen Ergebnissen von drei insgesamt sechs Jahre (1990-96) auseinanderliegener Befragungen unter österreichischen Jung- und Bergbauern/bäuerinnen wird der Versuch unternommen, idealtypische Handlungsweisen, Werthaltungen und Strategien der bäuerlichen Akteure abzuleiten. Es wird insbesondere analysiert, inwieweit die dynamischen wirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Prozesse zu Reaktionen führen und welche Faktoren letztlich entscheidend für bestimmte Einstellungen und Handlungsweisen sind.

Forschungsbericht Nr. 42 der Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Wien 1999
272 Seiten  € 7,99

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FB42, BF73/98

weiterführende Literatur

  • Wiesinger Georg, Tamme Oliver, Egartner Sigrid (2018) Gute Konzepte am richtigen Ort? Soziale Landwirtschaft und Sozialkapital in ländlichen Regionen. Forschungsbericht Nr. 70. Wien. Jänner 2018. 185 Seiten. Bundesanstalt für Bergbauernfragen.

  • Wiesinger, Georg, Kapferer, Elisabeth; Sallinger, Christine (2018): Statt Land. Wertschätzung und Abwertung von Lebensrealitäten auf dem Land und in der Stadt. In: Die Armutskonferenz: Achtung Abwertung hat System. Vom Ringen um Anerkennung, Wertschätzung und Würde. Buch zur 11. Österreichischen Armutskonferenz, S. 95-104, ÖGB Verlag, Wien.

  • Wiesinger, Georg; Lampalzer, Thomas; Oedl-Wieser, Theresia (2018) Akteur-Netzwerke im präventiven Schutzwasserbau. Eine explorative Studie anhand von drei Fallbeispielen. In: Wildbach- und Lawinenverbau. Zeitschrift für Wildbach-, Lawinen-, Erosions- und Steinschlagschutz. Schutz vor Naturgefahren – Ökologische Aspekte, Jg. 82 Heft 182, S. 304-316, Dezember 2018

  • Wiesinger Georg (2018) The Importance of Social Capital in Rural Development. Networking and Decision-Making in Rural Areas. In: Lützeler, Ralph (ed.): Rural Areas between Decline and Resurgence. Lessons from Japan and Austria. Beiträge zur Japanologie. Veröffentlichungen der Abteilung für Japanologie des Instituts für Ostasienwissenschaften der Universität Wien, Band 46, pp. 79-92.

  • Wiesinger Georg (2018) Sen, Amartya: Collective Choice and Social Welfare: Rezension in der SWS (Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft) Rundschau Nr. 2/2018.

  • Wiesinger G., Tamme, O. Egartner S. (2018) Gute Konzepte am richtigen Ort? Soziale Landwirtschaft und Sozialkapital. Beitrag zum Grünen Bericht 2018. S. 106-107.

  • Wiesinger Georg (2018) Integrative Gartenarbeit mit Flüchtlingen. Tagungsband der 73. ALVA Tagung. Gmunden. Mai 2018.

  • Wiesinger, Georg; Issak, Yesra; Neuhauser, Fritz; Egartner, Sigrid (2017) Integrative Gartenarbeit mit Flüchtlingen, Facts & Features Nr. 55 der Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Wien

  • Wiesinger, Georg (2017) Social Capital in Rural Development, Networking and Decision-Making. In: Kapferer, Elisabeth; Gstach, Isabell; Koch, Andreas and Clemens Sedmak (Eds.): Rethinking Social Capital: Global Contributions from Theory and Practice, Cambridge Scholars Publishing, Cambridge, U.K. pp. 239-258

  • Wiesinger Georg (2017) Kurzes Statement zur Sozialen Landwirtschaft. In: Broschüre des Südtiroler Bauernbundes. S. 19.20. www.baeuerinnen.it

  • Wiesinger, Georg, Galardi, Morgana (2016) Tiergestützte Interventionen als neue Möglichkeit für landwirtschaftliche Kleinbetriebe – Gli interventi assisti con Animali como nuova opportunitá per la aziende agricole di piccole dimensioni. Mai 2016. 114 Seiten. BA für Bergbauernfragen

  • Wiesinger, Georg (2015) Green Care und Soziale Landwirtschaft, In: Nationalpark Hohe Tauern, Nationalparkakademie: Anders wirtschaften - Chancen und Möglichkeiten im Berggebiet, 9. bis 10. April 2015, Tagungsband, Nationalparkzentrum Mallnitz, S. 48-54

  • Wiesinger Georg (2015) Social capital in rural development, networking and decision-making. Buchbeitrag. Bei: Cambridge University Press

  • Wiesinger, Georg/Wydler, Hans und Haubenhofer, Dorit (2014) Quo vadis cura viridis? Green Care im Verhältnis zur Forschung. In Zeitschrift Green Care, Nr. 1/2014, März 2014, S. 2-6

  • Wiesinger, Georg (2014) Armut im ländlichen Raum. In Dimmel, Nikolaus/Heitzmann, Karin und Schenk, Martin (Hg) Handbuch Armut in Österreich. 2. Auflage. Wien, Innsbruck, Bozen: Studienverlag. 328-342.

  • Wiesinger, Georg et al. (2013): Soziale Landwirtschaft. Situation und Potenziale einer Form der Diversifizierung land- und forstwirtschaftlicher Betriebe in Österreich, Südtirol und Trentino, Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Forschungsbericht Nr. 66, Wien

  • Wiesinger, Georg (2013): Soziale Landwirtschaft. In: Grüner Bericht 2013

  • Wiesinger, Georg (2013): Learning on Green Care Farms. In: Christos Gallis (ed.): Green Care: For Human Therapy, Social Innovation, Rural Economy, and Education, Nova Publishers, Hauppauge, N.Y., U.S.A.

  • Wiesinger Georg (2013): Eine neue Perspektive: Soziale Landwirtschaft In: Zeitschrift Land-entwicklung Steiermark - mitmenschlich Thema: Steiermark 2/2013, S 24.

  • Wiesinger, Georg, Knöbl, Ignaz, Kogler, Michael (1999): Landwirtschaft zwischen Tradition und Moderne. Über den Struktur- und Wertwandel in der österreichischen Landwirtschaft. Forschungsbericht Nr. 42 der Bundesanstalt für Bergbauernfragen. Wien. 272 Seiten.


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