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FB46: Die vielen Gesichter der ländlichen Armut

 

FB 46
Der Begriff Armut beinhaltet eine räumliche, zeitliche und gesellschaftlich - soziale Dimension. Die Auffassungen darüber, wann wer und unter welchen Umständen arm ist, gehen weit auseinander. In der wissenschaftlichen Diskussion wird zwischen einer absoluten, relativen, neuen, alten, temporären, permanenten, materiellen, ideellen, sozialen, geistigen, kulturellen, sichtbaren, versteckten, bekämpfte, latenten, aktuellen und potentiellen Armut, Einkommens- und Ausgabenarmut, Ausstattungsarmut usw. unterscheiden. Armut ist oft nur ein vorübergehendes Phänomen, wenn es in bestimmten Lebensepisoden, Not-, Krisen- und Mangelsituationen auftritt (z.B. Studium, Ausbildung, Schicksalsschläge), Armut kann sich latent äußern bei Personen, die zwar einen Anspruch auf Hilfsleistungen besitzen, diesen aber nicht oder verspätet einfordern. Armut kann durch verschiedenartigste Ursachen ausgelöst werden sowie dynamische Wirkungen und Folgeprozesse entwickeln.

 

Es stellt sich die prinzipielle Frage, wodurch sich die ländliche Armut eigentlich von städtischer Armut unterscheidet. Vielfach wird ins Treffen geführt, dass der ländliche Raum keine besondere Forschungskategorie darstelle, an welcher sich Armut festmachen ließe, denn am Land gäbe es Alters-, Frauen- und Kinderarmut etc. in gleichem Maße wie in der Stadt. Der ländliche Raum wäre eine horizontale Definitionseinheit für Armut und ländliche Armut daher eine Querschnittmaterie. Es ist zwar richtig, dass die einzelnen Kategorien von Armut sowohl am Land als auch in der Stadt anzutreffen sind, ihre konkreten Wirkungen, Folgen, Ursachen und Ausprägung sind jedoch oft sehr unterschiedlich. Viele armutsverursachende Faktoren spielen überwiegend oder ausschließlich in ländlichen Regionen eine Rolle.

Als spezifische Faktoren die im ländlichen Raum in einem besonderen Maße für die Armutsgefährdung verantwortlich sind, erweisen sich u.a. eine mangelnde individuelle Mobilität, Langzeitarbeitslosigkeit, geringe Erwerbschancen, eine ungünstige Wirtschaftsstruktur mit vielen Niedriglohnbranchen, ein schlechtes Angebot an kommunalen Wohnraum, eine unzureichende Altersversorgung bestimmter Berufsgruppen, mangelnde bis fehlende Bildungs-, Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen, fehlende Gleichberechtigung der Frauen, schlechte Infrastruktureinrichtungen und nicht zuletzt die Angst vor der Stigmatisierung aufgrund der fehlenden Anonymität.

Ländliche Armut ist nicht gleich bäuerliche Armut aber sie ist auch bäuerliche Armut. Landwirte sind in besonderem Maße von Armut bedroht. Laut ÖSTAT waren 1984 30,6% aller bäuerlichen Haushalte armutsgefährdet. Dies ist ein sehr hoher Prozentsatz im internationalen Vergleich. Ausschlaggebend dafür ist in erster Linie die überwiegend klein- und mittelgroße Struktur der österreichischen Landwirtschaft. Als Hauptproblembereiche bei der bäuerlichen Armut lassen sich v.a. Überschuldung, Defizite in der Altersversorgung, insbesondere bei Bäuerinnen und eine ungleiche Einkommensverteilung aufgrund des gegebenen landwirtschaftlichen Förderungssystems feststellen.

Die Ergebnisse der Studie basieren auf Workshops, Gruppendiskussionen und diversen Gemeindeaktivitäten sowie einer Analyse statistisch relevanter Daten (EU-Haushaltspanels, Mikrozensus, Konsumerhebungen usw.). Das Hauptaugenmerk lag in Gesprächen mit ExpertInnen und MultiplikatorInnen, die mit der lokalen Armutssituation gut vertraut oder direkt konfrontiert waren, wie z.B. SozialarbeiterInnen, Schuldnerberatern, Caritasmitarbeitern, Kindergärtnerinnen, Lehrern, Bürgermeistern, Gemeindevorstehern, Dorfvereinen, Pfarrern, Mitglieder von Pfarrgemeinderäten etc. Diese Methodik ermöglichte eine bessere Reflexion und einen objektiveren Zugang. Armutsgefährdete und von Armut Betroffenen wurden in der Regel nie als Betroffene geladen sondern in einer anderen Rolle, als VertreterIn einer öffentlichen Stelle, NGO etc. Oft brachten sie dann dennoch im Gespräch ihre persönlichen Erfahrungen ein.

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fb46 18.04.2013 1.643 mb

weiterführende Literatur

  • Wiesinger Georg (2018) The Importance of Social Capital in Rural Development. Networking and Decision-Making in Rural Areas. In: Lützeler, Ralph (ed.): Rural Areas between Decline and Resurgence. Lessons from Japan and Austria. Beiträge zur Japanologie. Veröffentlichungen der Abteilung für Japanologie des Instituts für Ostasienwissenschaften der Universität Wien, Band 46, pp. 79-92.

  • Wiesinger Georg, Tamme Oliver, Egartner Sigrid (2018) Gute Konzepte am richtigen Ort? Soziale Landwirtschaft und Sozialkapital in ländlichen Regionen. Forschungsbericht Nr. 70. Wien. Jänner 2018. 185 Seiten. Bundesanstalt für Bergbauernfragen.

  • Wiesinger, Georg, Kapferer, Elisabeth; Sallinger, Christine (2018): Statt Land. Wertschätzung und Abwertung von Lebensrealitäten auf dem Land und in der Stadt. In: Die Armutskonferenz: Achtung Abwertung hat System. Vom Ringen um Anerkennung, Wertschätzung und Würde. Buch zur 11. Österreichischen Armutskonferenz, S. 95-104, ÖGB Verlag, Wien.

  • Wiesinger Georg (2018) Sen, Amartya: Collective Choice and Social Welfare: Rezension in der SWS (Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft) Rundschau Nr. 2/2018.

  • Wiesinger Georg (2018) Integrative Gartenarbeit mit Flüchtlingen. Tagungsband der 73. ALVA Tagung. Gmunden. Mai 2018.

  • Wiesinger G., Lampalzer Th., Oedl-Wieser Th. (im Erscheinen) Akteur-Netzwerke im präventiven Schutzwasserbau. Eine explorative Studie anhand von drei Fallbeispielen. In: Zeitschrift für Wildbauch- und Lawinen-, Erosions- und Steinschlagschutz. Jg. 82. Heft 181.

  • Wiesinger G., Tamme, O. Egartner S. (2018) Gute Konzepte am richtigen Ort? Soziale Landwirtschaft und Sozialkapital. Beitrag zum Grünen Bericht 2018. S. 106-107.

  • Wiesinger, Georg; Issak, Yesra; Neuhauser, Fritz; Egartner, Sigrid (2017) Integrative Gartenarbeit mit Flüchtlingen, Facts & Features Nr. 55 der Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Wien

  • Wiesinger, Georg (2017) Social Capital in Rural Development, Networking and Decision-Making. In: Kapferer, Elisabeth; Gstach, Isabell; Koch, Andreas and Clemens Sedmak (Eds.): Rethinking Social Capital: Global Contributions from Theory and Practice, Cambridge Scholars Publishing, Cambridge, U.K. pp. 239-258

  • Wiesinger Georg (2017) Kurzes Statement zur Sozialen Landwirtschaft. In: Broschüre des Südtiroler Bauernbundes. S. 19.20. www.baeuerinnen.it

  • Wiesinger, Georg, Galardi, Morgana (2016) Tiergestützte Interventionen als neue Möglichkeit für landwirtschaftliche Kleinbetriebe – Gli interventi assisti con Animali como nuova opportunitá per la aziende agricole di piccole dimensioni. Mai 2016. 114 Seiten. BA für Bergbauernfragen

  • Wiesinger, Georg (2015) Green Care und Soziale Landwirtschaft, In: Nationalpark Hohe Tauern, Nationalparkakademie: Anders wirtschaften - Chancen und Möglichkeiten im Berggebiet, 9. bis 10. April 2015, Tagungsband, Nationalparkzentrum Mallnitz, S. 48-54

  • Wiesinger Georg (2015) Social capital in rural development, networking and decision-making. Buchbeitrag. Bei: Cambridge University Press

  • Wiesinger, Georg/Wydler, Hans und Haubenhofer, Dorit (2014) Quo vadis cura viridis? Green Care im Verhältnis zur Forschung. In Zeitschrift Green Care, Nr. 1/2014, März 2014, S. 2-6

  • Wiesinger, Georg (2014) Armut im ländlichen Raum. In Dimmel, Nikolaus/Heitzmann, Karin und Schenk, Martin (Hg) Handbuch Armut in Österreich. 2. Auflage. Wien, Innsbruck, Bozen: Studienverlag. 328-342.

  • Wiesinger, Georg et al. (2013): Soziale Landwirtschaft. Situation und Potenziale einer Form der Diversifizierung land- und forstwirtschaftlicher Betriebe in Österreich, Südtirol und Trentino, Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Forschungsbericht Nr. 66, Wien

  • Wiesinger, Georg (2013): Soziale Landwirtschaft. In: Grüner Bericht 2013

  • Wiesinger, Georg (2013): Learning on Green Care Farms. In: Christos Gallis (ed.): Green Care: For Human Therapy, Social Innovation, Rural Economy, and Education, Nova Publishers, Hauppauge, N.Y., U.S.A.

  • Wiesinger Georg (2013): Eine neue Perspektive: Soziale Landwirtschaft In: Zeitschrift Land-entwicklung Steiermark - mitmenschlich Thema: Steiermark 2/2013, S 24.

  • Wiesinger, Georg (2011): Ländliche Armut. In: Rosecker, Michael; Schmitner, Sabine (Hg.): Armut und Reichtum. Ungleiche Lebenslagen, -chancen, -stile und –welten in Österreich. Verein Alltag Verlag, Wiener Neustadt, pp. 276-292.


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