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FB28: Irrsinn und Landleben: Modelle einer Behindertenintegration in der Landwirtschaft

FB 28
In den letzten Jahrzehnten entstand im Dunstkreis neuerer psychiatrischer Reformüberlegungen ein zunehmendes Problembewußtsein gegenüber den in Anstalten Internierten. In der Diskussion über "Modelle einer Offenen Psychiatrie" und unter dem Postulat "Grundsätze einer modernen Behindertenpolitik" meldete sich sehr bald auch die Landwirtschaft zu Wort. Man begann sich wieder auf die lange Tradition landwirtschaftlicher Behindertenbetreuungsmodelle zu besinnen. Erste internationale Untersuchungen über Möglichkeiten einer Integration behinderter Menschen im ländlichen Raum außerhalb traditioneller Betreuungseinrichtungen fanden zunehmend Beachtung.

 

Modelle einer Einbindung geistig behinderter Personen in landwirtschaftliche Tätigkeitsbereiche sind dabei nicht neu. Betrachtet man die Geschichte, so finden sich eine ganze Reihe von Beispielen, die jedoch nicht einfach als Prototypen einer "Offenen Psychiatrie" auf die heutige Situation übertragbar sind. So hat sich der Zugang zu geistig Behinderten im Laufe der Geschichte in Abhängigkeit von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, wie in etwa von den mit der Entwicklung der Produktivkräfte eng verbundenen Ordnungserfordernissen, aber auch mit den methodologischen und therapeutischen Fortschritten der Psychiatrie und der Sozialmedizin geändert. Eine Einschätzung der Sinnhaftigkeit integrativer Modelle in der Landwirtschaft verlangt deshalb nach einer tiefgreifenderen Analyse, welche neben einer ontologischen Infragestellung des Wahnsinnsbegriffes auch retrospektiv auf die historische Lebenssituation geistig behinderter Menschen in den ländlichen Regionen einzugehen hat. Nur so kann sozialromantischen Vorstellungen von idealisierten, idyllischen Lebensverhältnissen für Geistesschwache auf dem Land begegnet werden.

Der nun vorliegende Bericht ist der zweite Teil einer Studie zur Situation behinderter Menschen in der Landwirtschaft. Er beschränkt sich in seinem Inhalt auf eine Evaluierung der Chancen und Gefahren, welche mit einer extra-asylären Betreuung von geistig Kranken und psychisch Behinderten in der Landwirtschaft verbunden sind. Der zentrale Punkt der Untersuchung ist die Präsentation einiger bestehender oder in Entwicklung begriffener Integrationsmodelle für geistig behinderte Menschen in der Landwirtschaft. Davon abstrahierend wird der Versuch unternommen, adäquate Rahmenbedingungen als Grundvoraussetzung für die Unterbringung geistig Kranker in der Landwirtschaft zu postulieren. Andere behindertenrelevante Fragestellungen, die im Zusammenhang mit der Integrationsthematik ebenfalls eine nicht unwesentliche Bedeutung haben, wie z.B. Begriffsdefinitionen, die rechtliche Hierarchie und Förderungsmaßnahmen für Behinderte in Österreich oder eine Abschätzung über die Anzahl behinderter Personen, bleiben in dieser Arbeit bewußt ausgeklammert, da sie bereits im ersten Teil der Studie (Forschungsbericht Nr. 27) ausführlich abgehandelt worden sind. In rechtlichen Belangen wird in einem Exkurs auf die Problematik des Anhalte- und Sachwalterschaftsrechtes eingegangen, da diese gerade im Kontext mit der Betreuung geistig behinderter Menschen als außerordentlich wichtig erscheint.

Forschungsbericht Nr. 28 der Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Wien 1991, 238 Seiten

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weiterführende Literatur

  • Wiesinger Georg, Tamme Oliver, Egartner Sigrid (2018) Gute Konzepte am richtigen Ort? Soziale Landwirtschaft und Sozialkapital in ländlichen Regionen. Forschungsbericht Nr. 70. Wien. Jänner 2018. 185 Seiten. Bundesanstalt für Bergbauernfragen.

  • Wiesinger, Georg, Kapferer, Elisabeth; Sallinger, Christine (2018): Statt Land. Wertschätzung und Abwertung von Lebensrealitäten auf dem Land und in der Stadt. In: Die Armutskonferenz: Achtung Abwertung hat System. Vom Ringen um Anerkennung, Wertschätzung und Würde. Buch zur 11. Österreichischen Armutskonferenz, S. 95-104, ÖGB Verlag, Wien.

  • Wiesinger, Georg; Lampalzer, Thomas; Oedl-Wieser, Theresia (2018) Akteur-Netzwerke im präventiven Schutzwasserbau. Eine explorative Studie anhand von drei Fallbeispielen. In: Wildbach- und Lawinenverbau. Zeitschrift für Wildbach-, Lawinen-, Erosions- und Steinschlagschutz. Schutz vor Naturgefahren – Ökologische Aspekte, Jg. 82 Heft 182, S. 304-316, Dezember 2018

  • Wiesinger Georg (2018) The Importance of Social Capital in Rural Development. Networking and Decision-Making in Rural Areas. In: Lützeler, Ralph (ed.): Rural Areas between Decline and Resurgence. Lessons from Japan and Austria. Beiträge zur Japanologie. Veröffentlichungen der Abteilung für Japanologie des Instituts für Ostasienwissenschaften der Universität Wien, Band 46, pp. 79-92.

  • Wiesinger Georg (2018) Sen, Amartya: Collective Choice and Social Welfare: Rezension in der SWS (Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft) Rundschau Nr. 2/2018.

  • Wiesinger G., Tamme, O. Egartner S. (2018) Gute Konzepte am richtigen Ort? Soziale Landwirtschaft und Sozialkapital. Beitrag zum Grünen Bericht 2018. S. 106-107.

  • Wiesinger Georg (2018) Integrative Gartenarbeit mit Flüchtlingen. Tagungsband der 73. ALVA Tagung. Gmunden. Mai 2018.

  • Wiesinger, Georg; Issak, Yesra; Neuhauser, Fritz; Egartner, Sigrid (2017) Integrative Gartenarbeit mit Flüchtlingen, Facts & Features Nr. 55 der Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Wien

  • Wiesinger, Georg (2017) Social Capital in Rural Development, Networking and Decision-Making. In: Kapferer, Elisabeth; Gstach, Isabell; Koch, Andreas and Clemens Sedmak (Eds.): Rethinking Social Capital: Global Contributions from Theory and Practice, Cambridge Scholars Publishing, Cambridge, U.K. pp. 239-258

  • Wiesinger Georg (2017) Kurzes Statement zur Sozialen Landwirtschaft. In: Broschüre des Südtiroler Bauernbundes. S. 19.20. www.baeuerinnen.it

  • Wiesinger, Georg, Galardi, Morgana (2016) Tiergestützte Interventionen als neue Möglichkeit für landwirtschaftliche Kleinbetriebe – Gli interventi assisti con Animali como nuova opportunitá per la aziende agricole di piccole dimensioni. Mai 2016. 114 Seiten. BA für Bergbauernfragen

  • Wiesinger Georg (2015) Social capital in rural development, networking and decision-making. Buchbeitrag. Bei: Cambridge University Press

  • Wiesinger, Georg (2015) Green Care und Soziale Landwirtschaft, In: Nationalpark Hohe Tauern, Nationalparkakademie: Anders wirtschaften - Chancen und Möglichkeiten im Berggebiet, 9. bis 10. April 2015, Tagungsband, Nationalparkzentrum Mallnitz, S. 48-54

  • Wiesinger, Georg (2014) Armut im ländlichen Raum. In Dimmel, Nikolaus/Heitzmann, Karin und Schenk, Martin (Hg) Handbuch Armut in Österreich. 2. Auflage. Wien, Innsbruck, Bozen: Studienverlag. 328-342.

  • Wiesinger, Georg/Wydler, Hans und Haubenhofer, Dorit (2014) Quo vadis cura viridis? Green Care im Verhältnis zur Forschung. In Zeitschrift Green Care, Nr. 1/2014, März 2014, S. 2-6

  • Wiesinger, Georg (2013): Soziale Landwirtschaft. In: Grüner Bericht 2013

  • Wiesinger, Georg (2013): Learning on Green Care Farms. In: Christos Gallis (ed.): Green Care: For Human Therapy, Social Innovation, Rural Economy, and Education, Nova Publishers, Hauppauge, N.Y., U.S.A.

  • Wiesinger Georg (2013): Eine neue Perspektive: Soziale Landwirtschaft In: Zeitschrift Land-entwicklung Steiermark - mitmenschlich Thema: Steiermark 2/2013, S 24.

  • Wiesinger, Georg (1991): Irrsinn und Landleben. Modelle einer Behindertenintegration in der Landwirtschaft . Forschungsbericht Nr. 28 der Bundesanstalt für Bergbauernfragen. Wien. 236 Seiten.

  • Wiesinger, Georg (1991): Behinderte in der Landwirtschaft. Zwischen Resignation und Behauptung. Forschungsbericht Nr. 27 der Bundesanstalt für Bergbauernfragen Wien. 288 Seiten.


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