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Neue soziale Aufgaben für die Landwirtschaft

von Georg Wiesinger

Für die österreichische Landwirtschaft haben sich die Rahmenbedingungen mit dem Beitritt zur Europäischen Union in vielen Bereichen grundlegend verändert. Die Übernahme der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) brachte eine Liberalisierung der Märkte, mehr Konkurrenz aber auch eine neue Förderungspolitik. Aufgrund der natürlichen und klimatischen Benachteiligungen in den Bergregionen und der überwiegend klein- und mittelgroßen Agrarbetriebe hat Österreich entscheidende Wettbewerbsnachteile. Nur wenige Betriebe sind der Konkurrenz der industrialisierten und hochtechnisierten Landwirtschaften in den EU Gunstlagen gewachsen. In diesem Kontext erscheint eine Analyse der Entwicklung der landwirtschaftlichen Betriebe sowie neuer sozialer Aufgaben für die Landwirtschaft als besonders notwendig.

Die Entwicklung der landwirtschaftlichen Betriebe

Es zeigt sich, daß sich viele landwirtschaftliche Betriebe in Österreich immer mehr von einer kombinierten Betriebs- und Wohnstätte zu einer überwiegenden Wohnstätte entwickeln. Denn obwohl die agrarische Beschäftigungsquote nur noch 4,7% beträgt, das entspricht einer Anzahl von insgesamt 141.500 (1996) Arbeitskräften , leben immer noch 950.000 Personen (lt. Agrarstrukturerhebung 1995) auf bäuerlichen Betrieben, das sind immerhin 11,9% der gesamten Wohnbevölkerung. Unter den landwirtschaftlichen Arbeitskräften sind wiederum 92% familieneigene Arbeitskräfte. D.h. einerseits dominiert der bäuerliche Familienbetrieb als sozio-ökonomische Struktureinheit und andererseits leben viele Menschen weiterhin auf einem bäuerlichen Betrieb, ohne dabei aber wesentlich am Betriebsgeschehen aktiv mitzuwirken. In den meisten Fällen handelt es sich dabei neben Kindern und Pensionisten um Familienangehörige, die außerhalb des land- und forstwirtschaftlichen Betriebes ganztägig und hauptberuflich tätig sind. Daraus läßt sich feststellen, daß die Bedeutung des landwirtschaftlichen Betriebes und Haushalts weit über die betrieblichen Aufgaben hinausreicht. Man kann deshalb sagen, daß viele Menschen den bäuerlichen Arbeitsplatz bereits verlassen haben, ohne dabei aber den Bezug zur Landwirtschaft vollkommen zu verlieren.

Neben diesem Trend der „Verhaushaltung“ der Betriebe läßt sich aber auch eine Reorganisation in der Erwerbs- und Produktionsstruktur erkennen. Während der Anteil der Haupterwerbsbetriebe immer weiter zurückgeht, bleibt die Zahl der Nebenerwerbsbetriebe (auch als Erwerbskombinierer bzw. pluriaktive Betriebe bezeichnet) annähernd konstant. Der Anteil der Nebenerwerbslandwirtschaft beträgt mittlerweile bereits zwei Drittel aller Betriebe (1995: 65,8%), in einigen Regionen, wie dem südlichen Burgenland oder im Tiroler Oberland über 80%. Die Argumentation, Nebenerwerb wäre grundsätzlich die erste Stufe zur Betriebsaufgabe, erweist sich als unrichtig. Die meisten dieser Betriebe sind sehr stabil. Ja oft stellt gerade die Aufnahme eines Nebenerwerbs und damit die Erschließung neuer Einkommen, die einzige Möglichkeit dar, das Überleben des landwirtschaftlichen Betriebes längerfristig zu sichern. Eine flächendeckende landwirtschaftliche Bewirtschaftung ist eine Leitlinie der europäischen Agrar- und Regionalpolitik. Gerade in den benachteiligten Gebieten kann diese Leistung nur über die Nebenerwerbslandwirtschaft erbracht werden. Dabei darf auch die Bedeutung für die Erhaltung der Kulturlandschaft und des ökologischen Gleichgewichts nicht vergessen werden. Kleine Subsistenzlandwirtschaften oder selbst Häusgärten spielen dabei eine wichtige Rolle.

Jedenfalls herrscht heute breiter Konsens darüber, daß die Zukunft für die Landwirtschaft Österreichs nur in einer weiteren Ökologisierung, Qualitätsproduktion und in der Erschließung neuer Erwerbsmöglichkeiten sowohl innerhalb als auch außerhalb der landwirtschaftlichen Betriebe und Haushalte gesichert werden kann.

Erwerbskombination ist kein neues Phänomen, sie hat im Gegenteil eine sehr lange Tradition. Erst seit der Industrialisierung wird der bäuerliche Betrieb allmählich aus seinen traditionellen, vielfältigen Aufgabenfeldern zurückgedrängt. Lange Zeit gab es noch Bauern, welche gleichzeitig Gastwirte waren, zeitweise als Maurer, Schmiede oder Zimmerleute arbeiteten oder nebenbei auch noch z.B. Fuhrwerkdienste leisteten. Die Konzentration auf die Urproduktion führte nicht nur zum Verlust von handwerklichen Fähigkeiten, sondern schuf auch eine Integration in die kapitalistische Marktwirtschaft und damit neue Abhängigkeiten.

In der wissenschaftlichen Diskussion werden alle Tätigkeiten, die nicht unmittelbar mit der Landwirtschaft vereint sind aber mit dieser in einer Verbindung stehen, mit dem Terminus „Paralandwirtschaft“ zusammengefaßt. Eine Reihe dieser Tätigkeiten sind in der Gewerbeordnung als „land- und forstwirtschaftliche Nebengewerbe“ angeführt, wie etwa die Erzeugung, Direktvermarkung, Veredlung von Rohstoffen und Produkten aus der Landwirtschaft, kommunale und private Dienstleistungen, Müllkompostierung, Transportdienste etc. Andere Aktivitäten wie die Führung von Hofcafés, Seminarräume, Landfrauenservices sind Neuland oder bei uns noch wenig bekannt (Loibl 1997). Ein Kernbereich bei allen paralandwirtschaftlichen Aktivitäten ist die Um- bzw. Neunutzung von Räumlichkeiten. Besonders auf großen Höfen liegen vielfach Räumlichkeiten brach, die für soziale und kulturelle Aufgaben adaptiert und genutzt werden könnten.

Perspektiven für die Landwirtschaft im sozialen Bereich

In diesem Beitrag soll im speziellen auf neue Perspektiven für bäuerliche Betriebe und Haushalte im sozialen Bereich eingegangen werden. Das Hauptaugenmerk soll dabei auf die Alten-, Behinderten und Kinderbetreuung, sowie die Drogentherapie gelegt werden.

1. Altenbetreuung

Die Zahl älterer Menschen in unserer Gesellschaft steigt ständig. Wenn sich der gegenwärtige Trend der Vergreisung der Gesellschaft fortsetzt, wird der Anteil der mehr als 60 Jährigen in der österreichischen Bevölkerungvon 20% im Jahr 1996 auf 27,5% im Jahr 2021 steigen (ÖROK 1998). Im Damit wächst auch der Bedarf an Plätzen in Altenwohn- und Altenpflegeheimen, vor allem auch deswegen, da in allen Industriegesellschaften das Zusammenleben von mehreren Generationen in einem Haushalt immer seltener wird. Die vorhandenen sozialen Einrichtungen können den qualitativ immer höher werdenden Ansprüchen betagter Menschen nach Abwechslung, Sozialkontakten sowie Hilfe und Pflege im Alltag kaum mehr genügen. Dies ist unter dem Licht zu sehen, daß ein relativ großes Segment älterer Menschen finanziell relativ gut gestellt ist und die Perspektive eines „Ablebens“ in einer Anstalt nicht mehr ertragen.
Zunehmend verstärkt sich vor allem in der städtischen Bevölkerung der Wunsch, den Lebensabend auf dem Lande, in einer möglichst heilen, natürlichen Umgebung, womöglich mit Anschluß an eine bäuerliche Familie verbringen zu können (KTBL 1994). Auf Seiten der älteren Menschen ist die Bereitschaft hoch, dafür entsprechende finanzielle Leistungen zu erbringen. Bei der Aufnahme und Betreuung älterer Menschen trifft sich dieser Wunsch mit den Perspektiven von ökonomisch unter Druck geratenen landwirtschaftlichen Betrieben nach einer alternativen Erwerbsmöglichkeit.
Eine praktische Umsetzung dieser Idee ist dabei nicht einfach. Vorweg ist zunächst zu klären, inwieweit landwirtschaftliche Betriebe die von den älteren Menschen erwarteten Leistungen überhaupt erbringen können bzw. erbringen wollen. Weiters stellt sich die Frage nach den erforderlichen fachlichen Qualifikationen der Betreuung und notwendigen baulichen Investitionen im landwirtschaftlichen Betrieb und Haushalt. Immer wieder werden in diesem Zusammenhang Befürchtungen geäußert, daß LandwirtInnen - und hier insbesondere die Bäuerinnen - neben den eigenen Altenteilern nun auch noch für die Pflege der „Alten der Gesellschaft“ aufkommen müßten. Andere sehen in der Versorgung älterer Menschen auf landwirtschaftlichen Betrieben - sei es nun für eine begrenzte Zeitspanne oder auf Dauer - eine Einkommensnische für die Landwirtschaft und die Erfüllung einer gesellschaftlich wichtigen Funktion.
Die wesentlichste Voraussetzung für das Verwirklichen eines solchen Modells ist natürlich das Vorhandensein von ausreichendem Interesse, Freude sowie gegenseitigem Verständnis. Zudem könnte der auf landwirtschaftlichen Betrieben vorhandene, nicht mehr genutzte Bausubstanz sinnvoll verwendet werden. Für eine erfolgreiche Umsetzung dieses Konzeptes müssen jedoch alle persönlichen, familiären, fachlichen und betrieblichen Bedingungen erfüllt sein. Weiters müßten Hilfestellungen in Form von ausführlichen Beratungen angeboten werden, vor allem um zu verhindern, daß vorschnelle Entscheidungen getroffen werden. Letzten Endes sind auch alle Konsequenzen ins Auge zu fassen, welche die Aufnahme einer größeren Anzahl älterer Menschen für die Kommunalpolitik und Infrastruktur der ländlichen Gemeinden hätte, denn das Durchschnittsalter in den bereits überalterten Dörfern würde noch einmal erheblich steigen.

2. Betreuung von geistig und mehrfach behinderten Menschen

Die Diskussion über den Sinn einer Unterbringung und Betreuung von geistig und mehrfach behinderten Menschen auf landwirtschaftlichen Betrieben wird heute zum Teil immer noch sehr kontrovers geführt. Während die einen dabei die Chance eines therapeutischen Fortschrittes durch sinnvolle Beschäftigung und Familienanschluß in einer gesunden Umwelt in den Mittelpunkt stellen, erblicken andere die Gefahr einer unzureichenden Versorgung bzw. die Wiedereinführung eines Gesindewesens mit Menschen, die sich nicht wehren können (Wiesinger 1991). Im Grunde haben beide Gruppen Recht. Die mittel- und kleinstrukturierte Landwirtschaft bietet sich durch ihr Charakteristikum einer relativ wenig entfremdeten Arbeit als hervorragend geeignetes Betätigungsfeld für therapeutische Maßnahmen an. Die Vielfalt der Aufgabenbereiche, der Umgang mit und die Verantwortung für Tiere, die Erlebnisse in der freien Natur können mannigfaltige Sinneseindrücke, das heißt jenes ideale Umfeld liefern, welches für die Verbesserung oder „Heilung“ des Gemütszustandes erforderlich ist.

Die Option einer Unterbringung bzw. Pflege von Behinderten auf Bauernhöfen ist dennoch vorsichtig einzuschätzen. In Österreich gibt es mehrere Pilotmodelle, die dieser Intention entsprechen. Neben wenigen Einzelbetrieben sind hier vor allem die Familienpflege des Landessonderkrankenhauses Graz-Feldhof und die Außenpflegefürsorge des Landeskrankenhauses in Klagenfurt zu nennen. Das System einer Betreuung von Behinderten Menschen auf bäuerlichen Betrieben kann nur dann funktionieren, wenn öffentliche Kontrolle und Unterstützung gewährleistet sind. Dies heißt im konkreten ein zumindest gleich hoher Standard an medizinischer und psychiatrischer Betreuung, Ausbildung und Versorgung wie in anderen Einrichtungen. D.h. auch eine entsprechende Zahl und Ausbildungsgrad von Betreuungspersonen, die unter Umständen auch von außen kommen müssen. Die Anzahl der betreuten Personen ist möglichst klein zu halten. Die behinderten Menschen dürfen nicht gegen ihren Willen untergebracht werden. D.h. die Harmonie eines Betreuungsverhältnisses ist zu testen und selbst bei bloßem Verdacht von Unzulänglichkeiten ist das Verhältnis sofort, möglicherweise auch nur vorübergehend, zu lösen. Bevorzugt werden sich erfahrungsgemäß Menschen dafür eignen, die selber aus der Landwirtschaft stammen.

Die therapeutische Absicht ist dabei klar über betriebswirtschaftliche Ziele zu stellen. Die Arbeit darf insbesondere nicht über das Ausmaß einer Beschäftigungstherapie hinausgehen. Arbeit darf nur auf Freiwilligkeit basieren. Die Interessen der Bauern/Bäuerinnen gilt es genauso zu berücksichtigen, wie jene der geistig behinderten Menschen. Zweifellos bedeutet eine Familienpflege die vertragliche Aufgabe von Nutzungsrechten, insbesondere über die Verfügungsgewalt über den Betrieb und die Produktion. Die LandwirtInnen erhalten in der Regel ein Entgelt für erbrachte Leistungen aus Pflegegeld oder Sozialfonds und müssen für Betreuungspersonal bzw. ärztliche Kontrollen ständig offen sein. Sie sind u.a. auch verpflichtet an Weiterbildungsveranstaltungen teilzunehmen. Wichtig ist auch die Abgrenzung und die Schaffung persönlicher Freiräume. Es soll nicht so sein, daß es für die Bauern keine Privatsphäre und keine Möglichkeit mehr gibt, Abstand zu gewinnen. Zumindest zeitweise sollten die Personen bzw. die Bauern/Bäuerinnen auch einmal vom Betrieb wegkommen können, z.B. in Form von Urlaubsaktionen, welche für die Pflegepersonen zentral organisiert werden.

Ein sehr gelungenes Beispiel für eine landwirtschaftliche Behindertenbetreuungseinrichtung findet sich etwa im niederösterreichischen Alpenvorland. Aus der eigenen Betroffenheit eines geistig behinderten Sohnes heraus entschloss sich ein Wiener Ehepaar, einen landwirtschaftlichen Betrieb anzukaufen und für etwa zehn jugendliche Behinderte zu adaptieren. Die Nachbarschaft und die lokale Politik wurden von Anfang an über die Gründung eines Unterstützungsvereins in das Projekt einbezogen. Die Ziele waren stets klar und transparent, um ja keine Vorurteile aufkommen zulassen, wie etwa Behinderte wären aggressiv und gefährlich. Die lokale Bevölkerung profitiert auch dadurch, daß die Tochter als Physiotherapeutin am Bauernhof eine Praxis eingerichtet hat. So haben die Dorfbewohner einen unmittelbaren Nutzen, da ihnen nun lange Fahrten in die nächste Stadt erspart bleiben. Daneben lernen sie aber auch zwangsläufig die Jugendlichen kennen und damit die Einrichtung schätzen. Positiv wirkte sich auch die enge Kooperation mit der Wissenschaft (Begleitforschung, Praxisstellen) und die Abhaltung kultureller Veranstaltungen aus.


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