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BF132/11: Green Care

Soziale Landwirtschaft und ihre Bedeutung für die lokale Ökonomie und Sozialkapital in peripheren ländlichen Regionen

Unter dem Begriff Green Care, wörtlich übersetzt „grüne Pflege“, lassen sich verschiedene Maßnahmen im Bereich der Betreuung, Rehabilitation, therapeutischen Arbeit, Pädagogik und Gesundheitsvorsorge zusammenfassen, mit denen über den positiven bzw. heilenden Einfluss der Natur die menschliche Gesundheit, das Wohlergehen und die Lebensqualität gefördert werden sollen. Green Care ist somit eine ergänzende und alternative Strategie für die Gesundheitspolitik, die u.a. durch Einsparungen beim Medikamentenverbrauch zu positiven Effekten führen kann. Soziale Landwirtschaft ist ein Teilbereich von Green Care, welcher auf landwirtschaftlichen Betrieben, mit den dortigen Menschen, Pflanzen und Tieren stattfindet. Neben Sozialer Landwirtschaft gibt es weitere Green Care-Aktivitäten, wie Pflege- und Betreuung, pflanzen- und tiergestützte Therapie und Pädagogik, Gartentherapie usw. Alle diese Aktivitäten können auch auf dem Bauernhof erbracht werden und der bäuerliche Familienbetrieb kann auf unterschiedliche Weise in die Leistungserbringung einbezogen werden. Green Care und Soziale Landwirtschaft haben verschiedene Dimensionen, die verschiedene Gruppen von Klienten in unterschiedlichster Weise ansprechen.

 

Dem Konzept einer multifunktionalen Landwirtschaft wird bei Green Care eine besondere Bedeutung beigemessen. Die Erbringung sozialer Leistungen kann eine neue Einkommensperspektive für bestimmte landwirtschaftliche Betriebe sein. Der Einsatz von landwirtschaftlichen Tieren für therapeutische oder pädagogische Maßnahmen in Form der tiergestützten Therapie und Pädagogik eröffnet sinnvolle Aktivitäten und vielfältige soziale Interaktionen, die eine sehr positive Wirkung gerade in Hinblick auf die Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls und starken Selbstvertrauens, Aggressionsabbau, die Entwicklung von Konzentration, Verantwortung und Empathie haben können. Empirische Studien belegen u.a. den positiven Einfluss von Hippotherapie auf die Lebensqualität, die Entwicklung des Selbstbewusstseins und sozialer Kompetenzen.

Für Green Care Maßnahmen kommen unterschiedliche Personenkreise als Nutzende in Frage. Psychisch, geistig und mehrfach behinderte Menschen gehören genauso dazu wie ältere und pflegebedürftige Personen, Drogenund Alkoholkranke, sozial auffällige Menschen, Personen mit Depressionen, Angstzuständen, Persönlichkeitsstörungen oder Lernschwierigkeiten, Burn-Out PatientInnen und jene, die sich nur schwer in die Gesellschaft integrieren lassen. Zu Green Care Projekten lassen sich aber auch Initiativen mit Kindergärten auf Bauernhöfen, Schul- und Gemeinschaftsgärten rechnen. Menschen mit migratorischem Hintergrund, soziale Randgruppen, Menschen im Strafvollzug, Haftentlassene, Missbrauchsopfern, Obdachlose und Langzeitarbeitslose lassen sich mit Green Care Aktivitäten leichter in die Gesellschaft (re)integrieren und gegenseitige Vorurteile können besser abgebaut werden. Green Care schafft eine soziale und natürliche Umgebung für sinnvolle Aktivitäten zur Förderung der allgemeinen Gesundheit. Personen können durch diese Aktivitäten persönliche Beziehungen und Freundschaften entwickeln, neue Fähigkeiten erlernen, eine höhere Lebensqualität und mehr Selbstständigkeit erlangen. Die zu erreichenden Ziele wie z.B. eine (Re-)Integration in den Arbeitsmarkt, Erlangung eines möglichst selbstständigen Lebens oder die Wiederherstellung sozialer Beziehungen, können für bestimmte Personen spezifisch ausgerichtet werden.

Das Konzept des Sozialkapitals im Sinne von Bourdieu (1979), Putnam (1993, 2000) oder Coleman (1988) befasst sich mit den Beziehungen zwischen Menschen und der Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die sich für die einzelne Person und die gesamte Gesellschaft durch die Teilhabe am Netz sozialer 18 Beziehungen ergeben. Individuen erhalten durch diese Beziehungen Zugang zu bestimmten Ressourcen, Formen von Hilfestellungen und Unterstützung, Anerkennung oder Wissen. Sozialkapital kann gemessen werden u.a. durch die Teilnahme an gesellschaftlichen Gruppen und sozialen Organisationen, am Ausmaß des gegenseitigen Vertrauens und an der freiwilligen Einhaltung bestimmter Normen.

Nutzende können auf unterschiedliche Weise ihr Sozialkapital durch Green Care-Aktivitäten erhöhen: Care Farming ermöglicht eine Teilhabe in Familie, Arbeit und Wohnen. Das soziale Kapital der betreuenden Familie kann für weitere Schritte zur sozialen Teilhabe genutzt werden: Nicht selten werden Arbeitsstellen und Wohnmöglichkeiten durch die betreuende Familie vermittelt.

Partner

  • BA für Agrarwirtschaft, Wien
  • EURAC, Bozen

Projekt

abgeschlossen

weiterführende Literatur

  • Wiesinger Georg (2017): Integrative gardening with refugees – experience from Austria. Beitrag für die mazedonische Zeitung ЛИЦЕ В ЛИЦЕ (LICE V LICE). Der Beitrag ist in Englisch, wurde aber auf Mazedonisch veröffentlicht. Juni 2017.

  • Wiesinger, Georg; Issak, Yesra; Neuhauser, Fritz; Egartner, Sigrid (2017) Integrative Gartenarbeit mit Flüchtlingen, Facts & Features Nr. 55 der Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Wien

  • Wiesinger, Georg (2017) Градинарството како лабораторија за колективна акциа (Gartenarbeit als Labor für kollektive Aktion) In: ЛИЦЕ В ЛИЦЕ, Nr. 25, pp. 50-52, Skopje

  • Wiesinger Georg (2017) Kurzes Statement zur Sozialen Landwirtschaft. In: Broschüre des Südtiroler Bauernbundes. S. 19.20. www.baeuerinnen.it

  • Wiesinger, Georg, Galardi, Morgana (2016) Tiergestützte Interventionen als neue Möglichkeit für landwirtschaftliche Kleinbetriebe – Gli interventi assisti con Animali como nuova opportunitá per la aziende agricole di piccole dimensioni. Mai 2016. 114 Seiten. BA für Bergbauernfragen

  • Wiesinger Georg (2015) Social capital in rural development, networking and decision-making. Buchbeitrag. Bei: Cambridge University Press

  • Wiesinger, Georg (2015) Green Care und Soziale Landwirtschaft, In: Nationalpark Hohe Tauern, Nationalparkakademie: Anders wirtschaften - Chancen und Möglichkeiten im Berggebiet, 9. bis 10. April 2015, Tagungsband, Nationalparkzentrum Mallnitz, S. 48-54

  • Wiesinger, Georg (2014) Armut im ländlichen Raum. In Dimmel, Nikolaus/Heitzmann, Karin und Schenk, Martin (Hg) Handbuch Armut in Österreich. 2. Auflage. Wien, Innsbruck, Bozen: Studienverlag. 328-342.

  • Wiesinger, Georg/Wydler, Hans und Haubenhofer, Dorit (2014) Quo vadis cura viridis? Green Care im Verhältnis zur Forschung. In Zeitschrift Green Care, Nr. 1/2014, März 2014, S. 2-6

  • Wiesinger, Georg (2013): Soziale Landwirtschaft. In: Grüner Bericht 2013

  • Wiesinger Georg (2013): Eine neue Perspektive: Soziale Landwirtschaft In: Zeitschrift Land-entwicklung Steiermark - mitmenschlich Thema: Steiermark 2/2013, S 24.

  • Wiesinger, Georg (2013): Learning on Green Care Farms. In: Christos Gallis (ed.): Green Care: For Human Therapy, Social Innovation, Rural Economy, and Education, Nova Publishers, Hauppauge, N.Y., U.S.A.

  • Wiesinger, Georg et al. (2013): Soziale Landwirtschaft. Situation und Potenziale einer Form der Diversifizierung land- und forstwirtschaftlicher Betriebe in Österreich, Südtirol und Trentino, Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Forschungsbericht Nr. 66, Wien

  • Wiesinger, Georg (2012): Farm education in Austria. In: Learning on green care farms, by Dorit Haubenhofer, Christos Gallis, Frances Harris, Linda Jolly, Michael Kaufmann, Erling Krogh, Kirsti Salo, Johanna Schockemöhle, Pia Smeds, Georg Wiesinger, im Juli 2012 verlegt in Buchform von der University Studio Press Thessaloniki

  • Wiesinger, Georg (2011): Was ist Green Care und welche Bedeutung hat Green Care in Österreich? Österreichisches Kuratorium für Landtechnik (ÖKL), Land&Raum. Wien 4/2010

  • Wiesinger, Georg: Soziale Landwirtschaft und care farming - Ein Versprechen für eine multifunktionale, nachhaltige Landwirtschaft und eine richtungsweisende neue Gesundheitspolitik, Zeitschrift Green Care Ausgabe 3 (2011) Seite 6-9, Wien

  • Wiesinger, Georg (mit Beiträgen von: Thomas Haase, Dorit Haubenhofer, Fritz Neuhauser, Silke Scholl et al., Birgit Steininger, Eva Thun-Täubert): Green Care in Landwirtschaft und Gartenbau – Resumee der Cost Aktion 866 ‚Green Care in Agriculture‘. Facts&Features Nr. 49, Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Wien, April 2011

  • Wiesinger, Georg (2010): Was ist Green Care und welche Bedeutung hat Green Care für die Landwirtschaft. ÖKL-Zeitung \"Land & Raum\"

  • Wiesinger, Georg: Green care. Eine Story über kaum wahrgenommene Chancen. In: Soziologie heute Nr. 3/2009, Linz 2009

  • Wiesinger, Georg; Neuhauser, Fritz; Putz, Maria (2006): Farming for Health in Austria. Farms, horticultural therapy, animal-assisted therapy. In: Hassink, Jan; Dijk, Majken van (eds.): Farming for Health. Green-Care FArming Across Europe and the United States of Amerika. Springer, Dordrecht, pp. 233-248


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